Huhn auf Abwegen

Ella war ein hübsches Huhn und lebte im Tierpark in Quadrath-Ichendorf. Mit den anderen Hennen, den Küken und den Hähnen pickte sie immer fröhlich zwischen den langen schlanken Beinen des Damwilds und den kräftigen Hufen der Ziegen und genoss ihr Leben. Die Zweibeiner brachten regelmäßig leckeres Futter und sorgten dafür, dass das Gelände hübsch ordentlich aussah. 

Ein Zweibeiner, der Doktor , achtete auch sorgsam darauf, dass alle Tiere gesund blieben und so hätte Ella ein unbeschwertes glückliches Leben führen können.

Seit Ella ein Küken war, hatte sie immer wieder das Gefühl gehabt, dass es außerhalb dieser heilen Welt doch noch etwas weitaus Größeres geben musste, eine Welt, in der die Zweibeiner lebten. Im Laufe der Zeit war sie immer weiter über das Gelände gestreift und hatte sich dabei von den anderen Hennen entfernt. Manchmal hatte einer der Hähne sie entdeckt und sie wieder zurück geholt, kein Huhn sollte schutzlos außerhalb der Gruppe sein. Dann, eines Tages, war es ihr gelungen, sich unbemerkt bis zur Grenze zu schleichen. Die Enttäuschung war groß, größer noch als die Metallstäbe, die ihr dort den Weg versperrten. Sie schaute vorsichtig durch das Gitter und freute sich, als sie auf dem Weg ein paar kleine Zweibeiner entdeckte, die fröhliche Laute von sich gaben. Die Welt da draußen war also nicht gefährlich. Wie konnte sie bloß durch die Metallstäbe gelangen?

Von nun an suchte Ella jeden Tag an einer anderen Stelle der Grenze nach einem Schlupfloch. Dann, eines Tages als sie schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, tat sich vor ihr eine Lücke auf, durch die sie auf den Weg der Zweibeiner gelangen konnte. Vorsichtig, ständig auf der Hut, ging sie über die Steine. Zwischendurch pickte sie, aber hier schmeckte das spärliche Futter nicht. Nach einer Weile sehnte sie sich zurück in ihre sichere Heimat, doch als sie sich gerade auf den Rückweg machen wollte, entdeckte sie hinter einem weiteren Zaun kleine Zweibeiner, die fröhlich hin und her liefen. Hinter diesem Zaun lag auch eine Wiese, die leckeres Futter versprach. Ella nahm ihren ganzen Mut zusammen und probierte etwas, von dem die älteren Hennen manchmal sprachen: sie breitete ihr Flügel aus, flatterte kräftig und ehe sie es sich versah, hob sie ab und landete auf der anderen Seite des Zauns.

Die kleinen Zweibeiner erschraken sich mindestens genauso wie Ella, aber dann beäugten sie sich gegenseitig voller Neugier. Ein großer Zweibeiner kam herbei und erklärte den Kleinen, dass dies ein Huhn aus dem Tierpark sei, das sich verirrt habe. Ella protestierte lautstark, sie war nicht auf Abwegen, sie befand sich auf einer Entdeckungstour! Eine Weile pickte sie aufgeregt im Gras herum und als sie sich endlich etwas beruhigt hatte, nickte sie den kleinen Zweibeinern freundlich zu, flatterte wieder kurz mit ihren Flügeln und landete auf dem Weg, der sie zurück nach Hause führte.

Als Ella gerade unbemerkt durch die Lücke im Zaun schlüpfen wollte, stand einer der Hähne vor ihr, plusterte sein Gefieder auf und begann laut zu krähen. Die kleine Henne aber stolzierte an ihm vorbei zu den anderen Hühnern und Küken. Sie war das erste Huhn, das die Welt der Zweibeiner besucht hatte und davon würde sie noch vielen Generationen von Hühnern erzählen. Der Hahn sollte nur weiter herumstolzieren, er hatte in seinem Leben noch kein echtes Abenteuer bestanden!

Die Hennen und Küken waren begeistert von Ellas Geschichte und wollten noch mehr erfahren. Also machte sich die kleine Henne von nun an fast jeden Tag auf den Weg zu den Zweibeinern und konnte bei ihrer Rückkehr von immer neuen Dingen berichten; von Bällen und Sandförmchen, von Tretautos und Puppenwagen und davon, dass die Zweibeiner eigentlich Menschen genannt wurden. So verging eine lange Zeit voller Abenteuer und Erfahrungen bis eines Tages ein paar Menschen den Zaun neu bauten und Ella weder eine Lücke fand noch darüber fliegen konnte. Die kleinen Menschen hatten sich aber so sehr an Ellas Besuche gewöhnt, dass sie von nun an regelmäßig an den Zaun kamen und nach der kleinen Henne Ausschau hielten. So besteht die Freundschaft zwischen Ella und den Menschen noch immer und die Hühner hoffen, dass noch viele Generationen von Menschen ihren Tierpark besuchen werden.

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